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Forum für hermetische Kunst und Kultur & Astrosophische Praxis
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Das Zusammenspiel
von Trieb und Willen
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
mit dem kommenden Frühling vollzieht sich vor unseren Augen wieder das Mysterium des Wachstums und des äußeren Gedeihens. Ganz selbstverständlich lassen wir die äußere Natur wieder in ihrer Pracht zurückkehren und sehen vor lauter Freude an der äußeren Schönheit nicht die Inhalte, die sich hinter dem Mysterium des Frühlings verbergen. Alles scheint einem ganz präzisen Plan zu folgen. Sieht man, wie alles in seine Bestimmung hineinwächst, könnte man es als Mensch fast bedauern, daß vor dem menschlichen Bewußtsein oft nicht so klar gezeichnet ist, in welche Richtung der eigene Weg führt. Vielleicht fragt sich mancher, wenn er sieht, wie die Lebewesen, die Pflanzen in ihre Bestimmung hineinwachsen, warum es sich im menschlichen Leben ganz anders vollzieht?
Viele Menschen auf dem Weg sehnen sich in der Idealvorstellung dahin, daß es möglich sein möge die Hände in den Schoß zu legen, weder zu säen noch zu ernten, um doch auf wundersame Weise vom Leben ernährt zu werden. Dieser Wunsch würde sich mit Sicherheit realisieren, wenn wir Pflanzen oder Tiere wären, doch der Mensch hat die Fähigkeit und den Auftrag erhalten über die Bedingungen der Natur hinauszuwachsen, er muß nur davon Gebrauch machen. Jede Manifestation des Lebens ist Verwandlung, Veränderung oder letztlich der einzige Ausdruck des Lebens selbst. Wobei sich natürlich die Frage nach dem Zweck der Natur stellt. Der eine sieht in den Pflanzen die Schönheit der Formen, der Farben und der Gerüche. Der andere wird die Gewichtung des Pflanzendaseins vielleicht auf die Nährwerte für Tiere oder den in den Blüten enthaltenen Nektar als köstliche Bienennahrung legen. Der Chemiker wird mit Pflanzenbestandteilen forschen, da er hofft wertvolle Stoffe aus ihnen zu gewinnen. Oder der Kräuterkundige sieht die Pflanze als Hausapotheke der Natur an. Jeder hat somit eine andere Wertigkeit, die er in dem Gedeihen der Pflanzen sieht. Vielleicht hat sich dem Menschen auch der eigentliche Sinn der Pflanzenwelt noch nicht erschlossen. Wir müssen aber annehmen, daß jede Pflanze ihren Zweck erfüllt, denn ihr Vorhandensein spricht dafür. Eine Rose entfaltet sich im Laufe der Zeit zu ihrer Bestimmung, eine Lilie wird zur Lilie und jede andere Pflanze erreicht die ihr zugedachte Rolle. Sie erfüllt den Zweck ihrer Existenz durch ihr Blühen und ihr irdisches Dasein an sich, so daß man fast sagen kann, sie erfüllt beneidenswert identisch ihren Lebensauftrag den sie erhalten hat - und dafür wird sie von der Natur ernährt.
Für den Menschen ist vor allem im analogen Vergleich zu unserem Leben die präzise Erfüllung der Form der Natur von Bedeutung, in der sich der Inhalt dieses Lebens ausdrückt. Nimmt man zum Zweck des Vergleiches zum Beispiel eine Lilie - ihre Idee ruht geborgen in der Blumenzwiebel. In ihr ist der Aufbau der Blume, ihr Duft, die Form, die Farbe der Blätter und des Kelches bis ins kleinste Detail festgelegt, sozusagen als Bauplan oder als Gesetz des Liliendaseins fest beschlossen. Das Dasein der Lilie besteht darin, dieses Gesetz, diesen Bauplan gemäß der Entsprechung zum Ausdruck zu bringen. Natürlich verhelfen ihr die belebenden Strahlen der Sonne, das Wasser, als auch die Nährstoffe des Bodens dabei, unbeirrt das in ihr ruhende Lebensgesetz zum Ausdruck zu bringen.
Vergleicht man diese Art zur eigenen Bestimmung zu gelangen mit dem Ansinnen, welches viele Menschen mit ihrem Leben haben, so könnte man anlog dazu sagen, daß sie in ihrem Leben stets, Blumenzwiebel bleiben, da sie sich nicht zur Blüte und zum Wachstum aufschwingen. Auch im innersten Kern des Menschen liegt ein Bauplan und das Gesetz seines Wachstums verschlossen. Jeder Mensch hat diesen inneren Trieb des Wachstums in sich. Doch zuerst liegt er ungeordnet vor, was bedeutet, daß der Mensch den Trieb in Willen verwandeln muß. Das Ich ist in seiner unbearbeiteten Form von einem Chaos ungeordneter Kräfte umschlossen, die nach verschiedenen Richtungen zerren und nur in dem Bestreben einig sind, sich dem Ich gegenüber durchzusetzen. Der Mensch wird meistens Opfer dieser Kräfte, da er nicht weiß, daß sie ihm als Baumaterial zur Verfügung stehen und es seine Aufgabe ist, sie richtig bedienen zu lernen. Um dies zu verdeutlichen ist es wichtig, die unterschiedlichen Kräfte, nämlich Trieb und Willen, zu definieren.
Der Trieb ist auf der Ebene der kausalen Verknüpfung die bindende, unter Zwang stehende Entsprechung des Willens, der eine echte Ur-Seinskraft ist. Der Trieb ist, da er zum physischen Geschehen zu rechnen ist, nur eine Scheinursache, wie alle stofflichen Ausdrucksformen. Er ist an die Form gebunden und damit nur eine sekundäre Kraft, welche im Aufbau der Kräfte zu einer untergeordneten Ebene gehört. Der Wille jedoch ist eine mächtige Kraft, die dem Schöpfungsprinzip gleichkommt. Der Wille unterscheidet sich vom Trieb nicht etwa durch größere Intensität oder Gewalt. Eher verhält es sich entgegengesetzt, denn der Trieb ist in seinem Reich physischer Kausalität stark und gewaltig, er wirkt auf seiner Ebene als unausweichlicher Zwang. Deshalb besitzt der Trieb eine bindende Kraft und führt, da er den Menschen an Erfüllung bindet, in die Unfreiheit.
Trieb und Willen werden in den Definitionen deshalb häufig nicht sauber getrennt, weil sie beide eines gemeinsam haben, daß sie nämlich Kräfte sammeln und anspannen um ein Ziel zu erreichen. Weil aber der Trieb stets begleitet ist von Sehnsucht, Angst, Gier, Ungeduld oder auch Unruhe, führt er durch seine Unrast zur Erschöpfung. Der Wille hingegen bewirkt in der Magie des ewigen Gehorsams eine ständige Mehrung aller Kräfte der Erfüllung. Der Wille bündelt die Kraft auf einer höheren geistigen Ebene, da er ein schöpferisches Prinzip ist. Er führt nicht zur Erschöpfung und Bindung, denn er löst sich aus den Bindungen. Mit dem Willen hat der Mensch die Kräfte, die ihn erfüllen, zu prüfen und zu werten, ihrer Herr zu werden, anstatt ihnen unterworfen zu sein. Hier beginnt der menschliche Auftrag, der dem Menschen in der ersten Hälfte seines Lebens oft noch verborgen bleibt. In der ersten Lebenshälfte hat er sich im Leben verwurzelt und er ist aufgefordert nach der Phase der Verwurzelung, sich zu einem Wachstum aufzuschwingen, welches in Richtung Vergeistigung strebt und mit dem Urwillen nach Einheit vergleichbar ist. Auf diese Weise findet der Mensch seine bis dahin verborgenen höheren Ich-Kräfte.
Das Wichtigste und Schwerste, der Anfang des Ich-Bewußtwerdens, ist ein geistiger Wahlakt im Chaos der Kräfte. Der dynamische Anstoß dazu wird von unserem Willen gegeben, gestützt auf die Zuversicht, daß es gelingen wird das anvisierte Ziel zu erreichen. Damit entsteht eine subtile Dynamik, deren Auswirkung meist nicht unmittelbar wahrnehmbar ist, sondern die sich nur mittelbar durch die Gefühle übersetzt. Aber dieser Impuls überträgt sich weiter in die Sphäre der Gedanken, wie ein Stein der in einen stillen See geworfen wurde, dessen Wellenbewegung sich immer weiter nach außen ausdehnt. Die Gedanken werden sich zu Handlungen kristallisieren, die aus dem inneren Impuls geleitet sind und werden reale Formen annehmen.
Als Voraussetzung sollte der Mensch wissen was er will und was er zu tun gedenkt. Dasselbe, was die Lilie unbewußt oder anders gesagt in ihrer Art der Erfüllung ihres Auftrages tut, ist der Mensch berufen bewußt auszuführen. Er sollte sich seiner geistigen Form bewußt werden und in sie hineinwachsen. Durch diese Wahl ist der Anfang des Weges stets dunkel und schwer. Denn der Mensch hat seine Entscheidungsfähigkeit erhalten und mit dieser vermag er im Reigen der Prinzipien für sich zu entscheiden in welche Richtung erstrebt. Sein Weg ist zwar im Sinne seines Geburtsmusters vorgezeichnet, doch er ist dazu befähigt auf seiner Ebene die Richtung willentlich vorzugeben. So hat er beispielsweise die Möglichkeit eine dynamische Energie, die sich einerseits auf der körperlichen Ebene in Entzündungen zu manifestieren vermag, auf der geistigen Ebene als aggressives Denken oder auf der psychischen Ebene als Wut und Aggression, in Aktion, Durchsetzung und neue Impulse zu verwandeln.Er hat in seinem Bewußtsein die Qual der Wahl und wird sich in seinem Leben erst an vielen Ecken und Kanten blutig stoßen, bevor er zu seiner eigenen Wahrheit findet.
Dies ist ein Prozeß des Leidens und des Lernens, denn mit der Geburt ist ihm in vielerlei Hinsicht sein Weg erst einmal verschleiert und er muß lernen, diesen wiederzufinden. Die Sehnsucht allein jedoch vermag ihm dabei nicht zu helfen. Sie mag die Wurzel für einen Antrieb sein, doch jede unkonkrete Sehnsucht ist Verzicht auf echte Handlungsbereitschaft. Der Sehnsüchtige flieht vor Entscheidung und Verantwortung und flieht damit vor sich selbst. Denn in seinen Handlungen kann er sich immer nur selber begegnen. Handlungen und Aktivität sind das Handwerkszeug, mit dem das Ich zu sich selbst findet und womit es Bewußtheit und letztlich Erkenntnis erlangt. Jede Handlung ist die Selbst-Geburt des Ich. Erst durch die Tat wird der Mensch eine „Tat-Sache“, er empfindet sich in den Momenten der Handlung und aus seiner Existenz, die ohne Handlung nur ein Da-Sein ist, wird eine Essenz. Der Mensch verwandelt sich und ist nicht mehr Wirkung, sondern er wird selber zur Ursache. Jedem Menschen ist sein eigener Weg bestimmt, kein anderer vor ihm ist ihn je gegangen und kein anderer nach ihm wird ihn je beschreiten, selbst wenn man glaubt dem gleichen Ziel entgegenzustreben. Auf unserem Weg gelangen wir stets an Begrenzungen heran, diese sind aber der Motor zur Vergeistigung.
Diese Begrenzungen sollte man nicht als real ansehen, sie wollen überwunden werden. Wer genau hinschaut in seinem Leben wird erkennen, daß die Grenzen immer gleichzeitig mitwachsen. Was einem Menschen heute als Grenze erscheint ist nur relativ und die nächsthöhere Entwicklungsstufe führt schon wieder darüber hinaus. Immer bestimmt die Stufe, auf der der Mensch steht, die jeweilige Grenze. Das Mittel, diese Grenzen zu überwinden, ist der Wille, ihn gilt es zu bündeln, daß er stark genug wird um sich über die jeweilige Begrenzung zu erheben. Mit dem Willensentschluß, sich über die materiellen Begrenzungen zu erheben und sich der geistigen Arbeit an sich selbst zu widmen, widmet sich der Mensch dem in ihm beschlossenen Bauplan seines Wachstums zu einem geistigen Wesen.
Ich wünsche Ihnen mit dem kommenden Frühling alles Gute für den neuen Jahreszyklus und vor allem mächtige Wachstumskräfte!
Randolf Maria Schäfer
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