Randolf Schaefer

Forum für hermetische Kunst und Kultur
& Astrosophische Praxis



Das Osterfest als Quelle ewiger Inspiration

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bald steht das Osterfest vor der Tür, ein Fest, das - wollte man es "bewerten" - von seiner Bedeutsamkeit her über das Weihenachtsfest zu setzen wäre. Trotzdem wird es nicht in der „Intensität“ zelebriert wie das Weihnachtfest. Vielmehr ist Ostern ein willkommener Anlass, mit ein paar Urlaubstagen vor und nach den Feiertagen einen genüsslichen Kurzurlaub im Schnee oder im Süden zu verbringen. Sicher ist dies nicht der eigentliche Sinn und die entsprechende Einlösung eines solchen Festes.
Das Problem des sukzessive voranschreitenden kulturellen Verfalls in unserer Gesellschaft liegt darin, dass man sich christlichen Mythen und Überlieferungen stets mit einem rationalen Bewusstsein angenähert hat, bei dem der historische Aspekt im Vordergrund stand und die reale Geschichte, also der Korpus, als das primäre betrachtet wurde.
Karl Barth, der Begründer der dialektischen Theologie, degradiert die Bibel zur reinen Glaubensquelle, in- dem er in seiner kirchlichen Dogmatik schreibt:

„Die Lehre von der Schöpfung ist nicht weniger als der ganze übrige Inhalt des christlichen Bekenntnisses Glaubensartikel, d.h. Wiedergabe einer Erkenntnis, die kein Mensch sich selbst verschafft hat noch verschaffen wird - die ihm weder angeboren noch auf dem Wege der Wahrnehmung und des verknüpfenden Denkens zugänglich ist - für die er kein Organ und keine Fähigkeit besitzt, sondern die er ganz allein im Glauben faktisch vollziehen kann....“

Mit solchen und weiteren kläglichen Erkenntnissen verkommt die christliche Theologie zu einer kraftlosen Glaubenssache, die dem heute lebenden Menschen gleichgültig geworden ist. Was nützt es dem Menschen heute, dass Christus vor 2000 Jahren wieder auferstanden ist.

Nähert man sich den alten Überlieferungen einzig auf einer direkt gemeinten Ebene an, müssen sie ihren Geist und damit ihre Kraft verlieren. Unter einem konkreten Gesichtspunkt zerrt man sie auf eine Alltagsebene, so dass sie dem intellektuell übersteigerten Menschen des 21.Jahrhunderts nichts mehr geben. Auch hier hat einseitiges wissenschaftlich unterscheidendes Denken dazu geführt, dass die Bibel vom Weisheitsbuch zur Glaubensquelle degradiert wurde.
Die dialektische Theologie erkennt damit den Zusammenhang ihrer überlieferten Schriften und der außerchristlichen Mysterientraditionen nicht an und erklärt die Beschäftigung mit den nicht christlichen Traditionen für unsinnig und realitätsfern - die Quittung für eine derartige Vermessenheit drückt sich heute über einen erdrutschartigen Mitgliederschwund der traditionellen Religionsgemeinschaften aus. Intuitiv spüren die Menschen, dass sie um die Quelle inneren Wachstums und der Inspiration betrogen werden. Die großen Religionsgemeinschaften haben auf diese Weise mit konkreten Auslegungen und historischen Mutmaßungen sowie der Verdrängung der esoterischen Inhalte ihrer heiligen Schriften ihren Niedergang selbst gefördert. Nicht zuletzt aus dem hybriden Alleinanspruch, für das menschliche Seelenheil zuständig zu sein, darüber wachend, Menschen nur soweit zu befreien, auf dass sie weiterhin als friedliche Schäfchen dienen. Irgendwann führen solche Konzepte in eine Sackgasse.

Mit der materiellen Auslegung der christlichen Lehre ist der Blick dafür verloren gegangen, dass die überlieferten Mythen eine ewig aktuelle Botschaft tragen, die in versteckter Form altes Mysterienwissen weitergeben, das für all jene von besonderem Interesse ist, die einen intensiven inneren Weg beschreiten. Legt man das Gewicht der Betrachtung auf die Symbolik der Bilder, dann verwandelt sich der rationale begrenzende Blick in ein geistiges Schauen der immergültigen kosmischen Wahrheit. Das rational bewertende, sezierende Denken muss, will man sich solchen überlieferten Texten zuwenden, zu einem bildhaften Schauen gewandelt werden.
Übt sich der Mensch in dem Wechselspiel zwischen rationalem und bildhaften Betrachten ewiger Weisheit, erschließt sich ihm ein viel tieferes Verständnis der überlieferten Texte und der geheiligten Zeitverläufe. Diese tragen Inhalte, die dem Menschen Hinweis und roter Faden zugleich auf seinem Weg zu sein vermögen, weil sie eine ewige Gültigkeit besitzen. Spricht man von ewiger Gültigkeit bezieht sich dies nicht auf unseren menschlichen Zeitbegriff, sondern auf eine andere Form der Betrachtung, nämlich der außerhalb von Raum und Zeit. Deshalb wirkten sich auch die historische Betrachtung aller mythischen Überlieferungen so zerstörerisch auf deren Übermittlung bedeutungsvoller Inhalte aus.

Ostern, und vor allem die Symbolik der Auferstehung, beleuchtet für all jene, die sich auf dem Weg befinden, ein zentrales Mysterium der menschlichen Existenz. Betrachtet man Christus als das Prinzip des Geistes - ein Zustand der im Bewusstsein erreicht werden kann oder auch als ein Aspekt Gottes zu verstehen ist, der sich in allen Manifestationen der Schöpfung offenbart, so drückt der Mythos aus, dass der Geist zum Zeitpunkt des Osterfestes sich in die Materie hineinsenkt und dort aufersteht. Einerseits stirbt symbolisch das Geistprinzip in den Stoff hinein, andererseits wird es durch sein Hineinsterben in den Stoff gerade sichtbar durch die materiellen Offenbarungen, die sich als in die Form geronnener Geist bezeichnen lassen.
Das christliche Osterfest ist vergleichbar mit dem Frühlingsfest, das unter diesem Gesichtspunkt auch in anderen Kulturkreisen gefeiert wurde und wird. Bei den Germanen wurde es als Fest der Frühlingsgöttin Ostara begangen. Aus dieser Bezeichnung leiten sich sowohl der Name des "Osterfestes" ab, als auch der Sonnenaufgangsrichtung "Osten" in der das erste Licht des jungen Morgens heraufzudämmern beginnt.
Die Annahme wäre zu einfach, dass man die Frühlingsfeste feiert, weil es endlich wieder warm wird und der Mensch bald sein Leben von den Innenräumen nach Außen verlagern kann. Aufgrund der ansteigenden Außentemperatur, den zunehmenden Tagkräften, sowie der überall entstehenden äußeren Pracht der Natur und dem sich einstellenden Bedürfnis sich im Außen verstreuen zu wollen, wächst aus initiatischer Sicht gleichzeitig eine Notwendigkeit der Rückbindung zum Geistigen, die mit diesen Festen an den Menschen herangetragen werden soll und deren Inhalt auch das Wesen der in diesem Zeitraum stattfindenden Einweihungen war.

Das Osterfest soll "alle Jahre wieder" den Menschen daran erinnern, dass die Materie die mikrokosmische Spiegelung des Geistes ist, dass sich im Stoff der Abdruck des Geistes darstellt. Dies geschieht, damit der Mensch vor lauter Ablenkung nicht die Anbindung an den Urgrund, aus dem er erstanden ist, verliert. Mit der Wiederkehr der Lebensenergien in der materiellen Welt stirbt der Geist (Christus) in die Materie hinein und soll gleichzeitig im Bewusstsein des Menschen wieder auferstehen.
Wie kann dies geschehen?
Das kann dadurch geschehen, dass sich der Mensch bewusst ist, dass die Materie nicht bloß eine tote Form ist, sondern dass sie die lebendige Widerspiegelung des Geistes ist, die es möglich macht, über die in ihr enthaltene Symbolik in Kontakt mit dem die Materie durchdringenden Geist zu kommen. Bleibt der Mensch an die äußeren Bedingungen der Form gebunden und sieht im Konkreten nichts anderes als die reine Selbsterhaltung, dann nimmt ihn das Leben mit seinen Erfordernissen gefangen und er erlebt eine Ausgeliefertheit an die dumpfen Bedingungen des Stoffes. Dies wussten die alten Mysterientraditionen, so dass sie, wann immer die Welt begann sich in ihre äußere Pracht zu kleiden und damit den Menschen vom geistigen Innenraum abzulenken, man ihnen für den Zeitraum der Veräußerlichung den Hinweis auf den Weg mitgab, die Anbindung an den geistigen Ursprung nicht zu verlieren.

Dieses tiefe Mysterium, in das die Menschen eingeweiht wurden, besitzt natürlich wie jedes Mysteriengeheimnis verschiedene Facetten in seiner Bedeutung. Gleichzeitig bedeutet es, dass der im Grab der Materie gefangene Mensch die Möglichkeit besitzt im Geiste zu erwachen und auf diesem Weg die Befreiung vom Stoff zu erlangen. Denn einerseits ist die Materie das Grab des Geistes, wenn man ihr keinerlei andere Bedeutung beimisst und andererseits ist sie der Schlüssel zum Geiste und damit zur Freiheit von allen stofflichen Bedingungen! Denn in der Symbolik die hinter den irdischen Manifestationen, besonders hinter denen des Naturlaufes verborgen sind, lassen sich alle Gesetzmäßigkeiten ableiten, die dazu beitragen können den Menschen aus seiner Anbindung an den Stoff zu befreien.
Da jede Zeit besondere Möglichkeiten in sich birgt, weil sie Träger von qualitativen Inhalten ist, besteht vergleichbar mit der Weihenachtszeit (den zwölf Rauhenächten) auch in der Osterzeit die Möglichkeit, sich auf die mit der Zeit verbundene Einweihung einzulassen.
In der Passionszeit durchleidet im christlichen Mythos die Figur Christus jene zentralen Themen, die der an die Materie gebundene Mensch erfährt. Mit dem Leidensweg Christi wird der Leidensweg der an den Stoff gebundenen menschlichen Seele skizziert, die sehnsuchtsvoll nach Einheit mit dem Kosmos und nach der Befreiung von den Anbindungen des Stoffes sucht. Ebenso vollzieht sich in jedem Menschen in der Osterzeit tief im Inneren des Bewusstseins das Mysterium der Osterpassion.

In den Passionstagen vermag der Mensch, sofern er sich in meditativer Stille darauf einlässt, innerlich zu sterben, um am Osterfest im Geiste neu aufzustehen. Dies sind keine leeren Plattitüden, sondern jeder einzelne vermag besondere innere Zustände in dieser Zeit zu erfahren, wenn er sich meditativ auf sie einlässt. So kann er in der Osterzeit mit dem Mysterium in Verbindung kommen, dass die Seele über die Anbindung an die Welt Schmerz empfindet, dieser aber dazu dient um die Suche nach einem Befreiungsweg anzuregen, die nur in jedem Menschen selber stattfinden kann - nach der Einkehr in die Bilder der Seele lösen sich die Fesseln des Stoffes und der Mensch ersteht neu in einem erweiterten Bewusstsein. Danach kann er seiner Welt in einer veränderten Haltung begegnen und sieht diese in der Folge von ihm selbst beseelt in einem ganz anderen Licht als zuvor.

Je öfter der Mensch sich im Laufe seines Lebens auf die eigentlichen Inhalte dieses Mysteriums einlässt, desto mehr Facetten eröffnen sich ihm.
Er selbst hat die Möglichkeit "Christus" zu werden, um über diesen Weg Befreiung von der Materie zu erlangen.
Jesus ist symbolisch einen Weg gegangen, der von jedem Menschen nachvollzogen werden will, damit jener Teil, von dem die Rede ist, auch im Menschen heran­wachsen kann, wie im Mythos beschrieben - Christus ist ein Zustand, der im Men­schen hergestellt werden will, damit die Auferstehung im Inneren stattfinden kann.

Bald beginnt sich im Menschen mit der Zunahme der Sonnenkraft, der Zauber der Vorfreude zu regen auf die neue Wachstumsphase des Jahres.

Will man das Mysterium dieser Zeit für sich besonders nutzen, dann sollte man nicht im unbewussten Genießen der zurückkehrenden Wachstumskräfte verhaftet bleiben, sondern sich bewusst machen, dass dies die Stunde der Menschwerdung ist in der es möglich wird, von oben nach unten alle Erneuerungskräfte für den eigenen Weg wachzurufen. Mit jedem neuen Jahr vermag das wiederkehrende Licht immer tiefer und heilkräftiger auf den Ätherleib einzuwirken, denn der Weltengeist manifestiert sich mit dem zurückkehrenden Licht. Der Ätherleib geht, so hat es Paracelsus ausgedrückt, „ins Licht der Natur“, was bedeutet: er nimmt das große Schauspiel des Jahreslaufes in reinster Form auf unter stetem Gewahrwerden dessen, was sich hinter den äußeren Formen verbirgt, als edelste geistige Nahrung. Dann wird die Sonne zu einer Offenbarungsinstanz und das Sonnengeflecht zu einem Organ, das die bildenden Kräfte im All den aufbauenden Kräften im Ätherleib zuleitet, auf dass der erwachte Mensch einen steten Wachstumsprozess erfährt. Auf diese Weise wird jedes neue Jahr zu einer fruchtbaren Erlebensstufe, vergleichbar mit der erwähnten „Pflanzschule des Geistes“.

Der in den Vordergrund der Aufmerksamkeit gerückte Existenzkampf mit seinen sozialen Problemen braucht eine Kraftquelle, von der der Mensch zehren kann. Diese ist jedoch nicht in der Zerstreuung zu finden, sondern sie sprudelt besonders, wenn man sich der Arbeit am Ätherleib zuwendet.
Man sollte sich das wiederkehrende Licht von der Natur nicht einfach ungenutzt schenken lassen, sondern es sich durch Bewusstheit erarbeiten, damit es seine geistige Wirkung entfalten kann. Paracelsus beschrieb dies, indem er lehrte, dass der „Leib im Leib“ also der Ätherleib, bestimmt ist ein "Lichtleib" zu werden. Wenn der innere Mensch, der in jedem Menschen steckt, sich auf allen Ebenen des Seins bewusst zu erleben vermag, dann ist der Schritt durch die materielle Welt in die geistige Welt getan.
Heller und heller werden die Tage, reicher entfalten sich die Inhalte hinter der Form der äußeren Welt vor dem menschlichen Auge und wirken erneuernd bis in den Ätherleib hinein. Innere Erstarrung und Unbewusstheit werden in jedem Jahr im wiederkehrenden Licht vergehen wie die eisigen Schatten des Winters, der trotz langen Sträubens der Wiedergeburt des Frühlings weichen muss.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein inspiriertes Osterfest.

Herzlichst

Randolf M. Schäfer


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