Randolf Schaefer

Forum für hermetische Kunst und Kultur
& Astrosophische Praxis



Astrologie im Lichte der neuen Zeit - 3. Teil

Die Grundstruktur des Menschen

Jedes menschliche Geburtsmuster ist nach einer ganz spezifischen Grundstruktur aufgebaut. Diese ermöglicht es auf einen Blick die Lebensspannung zu erfassen. Man erkennt am Grundgefüge eine mögliche Kernproblematik, die sich aus der Zusammensetzung des Geburtsmusters ergibt. Denn jedes Geburtsmuster setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen, die alle zusammen mit einem kompositorischen Zusammenspiel vergleichbar sind, welches allerdings ohne Rücksicht auf menschliche Bewertung Missklänge duldet und sie deutlich werden lässt.
Für das Verständnis einer Grundstimmung in jedem Geburtsmuster ist es sinnvoll die zwei Basissäulen des Horoskopes zu betrachten – den Aszendenten und die Geburts-Sonne.

In jedem Geburtsmuster gibt es ein Basis-Potential, das dem Menschen vollständig zueigen ist, welches seiner gesamten Ich-Intention entspricht, mit der er versucht sein innerstes Bestreben in der Welt Gestalt annehmen zu lassen. Es gleicht den Ur-Instinkten, welche sich in jeder Faser in allem Wollen und in jeder Ausdrucksform nach Außen manifestieren möchten, ähnlich dem Ur-Wunsch eines Wesens zu überleben. Dieses Potential wird als Anlage des Menschen bezeichnet oder auch als Aszendent (lat. Ascendere = aufsteigende Kraft).
Aus der Sicht der hermetischen Astrologie entstammt das mitgebrachte Basis-Potential des Menschen anderen Existenzen. Gleich einer seelischen Hochpotenz, entspricht die Anlage dem Abglanz vergangener Einkörperungserfahrungen die wieder in neuer Form im Menschen Gestalt annehmen. Die mitgebrachte Anlage entspricht einer statischen Qualität, die mit der Verkörperung fortsetzen möchte, was einst im seelischen Grundgefüge einer vergangenen Inkarnation vorhanden war. Die Seele sucht mit ihrem erneuten Inkarnieren in diese Welt ein Umfeld auf, das mit der Kultur, der Stammfamilie ganz ähnliche Stimmungen und Themen aufweist wie in der zurückliegenden Inkarnation. Dies macht sie ganz bewusst, um auf diese Weise den Wunsch nach Veränderungen im laufe der Zeit, gefühlt aufkeimen zu lassen.

Die Energien des Aszendenten stellen somit im Geburtsmuster seelische vertraute Größen dar, auf die der Mensch immer wieder zurückgreift, weil sie ihm völlig zueigen sind. Vergleichbar ist dies mit einer alten Melodie die beginnt zu klingen und mehr und mehr zum alles übertönenden Klang werden möchte. Doch genau wie die Lieder und Weisen vergangener Jahrhunderte, entspricht jene seelische Qualität nicht dem waltenden Zeitgeist und damit dem bestehenden Musikempfinden, so dass es einer Korrektur bedarf um sie für die "Ohren" einer bestimmten Zeit aufnehmbar zu machen. Die in die Manifestation hineinzwingende alte Seelenqualität besitzt zwar eine unweigerliche Präsenz und das Bedürfnis alles zu durchdringen, doch der Sinn in der erneuten Verkörperung liegt darin, dass das vorhandene alte Potential eine Veränderung erfährt. Ist der Mensch beispielsweise in einer vergangenen Existenz zu starr gewesen, dann möchte die Seele im neuen Erlebensfeld möglicherweise mehr Beweglichkeit verwirklichen oder ist der Mensch in einer vergangenen Existenz zu intellektuell gewesen dann möchte die Seele in der neuen Existenz möglicherweise mehr Herzenskraft entwickeln.
Das vorhandene Wesenspotential eines Menschen wird im Verlauf des Lebens eine Wandlung oder auch Erweiterung erfahren durch neue Themen die sich zum alten Potential hinzugesellen. Daraus ergibt sich ein Verlauf, eine regelrechte Geschichte die sich in jedem Geburtsmuster entdecken lässt. Diese lässt sichtbar werden aus welchem Lebensfeld die Seele kommt und welches zentrale Thema sie in der gegenwärtigen Existenz verwirklichen möchte.

So gesellt sich der Basis-Komponente, dem Aszendenten, eine zweite Instanz hinzu die eine dynamische Richtung beschreibt, sie entspricht einem Auftrag, den es gilt in der jeweiligen Existenz zu verwirklichen. Dieser Auftrag wird dargestellt durch die Geburts-Sonne. In jedem Sonnen-Auftrag ist eine ganz besondere Sinnhaftigkeit enthalten, da der Auftrag immer als eine Antwort auf die Aszendenten-Thematik zu verstehen ist. Er entspricht einer inhaltlichen Qualität, die dem Menschen fehlt und die er im Laufe seines Lebens erlangen sollte. Dieser Auftrag formiert sich aus einem seelischen Gewahrwerdungsprozess, aus Erkenntnissen die die Seele hatte, als sie sich aus der zurückliegenden Inkarnation herauslöste. Deshalb hat der Mensch selten eine bewusste Anbindung an die Themen, die er mit dem Auftrag erhält. Sie stellen sich ihm vielmehr als Erfordernisse im täglichen Leben, welche sich aus seinem Sonnen-Auftrag bedingen.

Setzt man sich mit dem eigenen Geburtsmuster auseinander sollte in erster Linie die Anlage, also der Aszendent Aufmerksamkeit erhalten, denn er macht das eigentliche Wesen des Menschen aus und wird in allen Intentionen und Handlungen seinen Ausdruck finden. Wer also etwas über das Wesen eines anderen Menschen wissen möchte, der sollte nach dem Aszendenten forschen und nicht nach der Sonnen-Thematik. Die Geburts-Sonne entspricht den Themen die dem Menschen erst einmal fremd sind. Man könnte auch sagen, er entspricht dem Teil der dem Menschen fehlt.
Nähert man sich in dieser Form dem Geburtsmuster eines Menschen an und setzt die verschiedenen einzelnen Bestandteile in einen sinnhaften Zusammenhang, so eröffnet sich dem Betrachter das Muster in einem ganz anderen Licht.

Die Anlage – der Aszendent

Die Anlage ist als Ausgangsbasis für das Leben der dominanteste Teil in der Seelenstruktur des Menschen. Sie ist eine "aufsteigende Qualität", die sich in die Welt hineinmanifestiert. Damit erzwingt sie eine Polarisierung, denn jede Ich-Intention besitzt mit ihrer Unterscheidungsfähigkeit immer einen spaltenden Charakter, egal in welche Richtung sie zielt. Im lateinischen heißt aufsteigen ascendere, weshalb man die Anlage des Menschen als "Aszendent" bezeichnet. Gemeint ist damit die Seelenkraft die sich mit einem Körper verbindet und sich auf einem Existenzfeld manifestiert.
In graphischen Darstellungen von Horoskopen findet man den Aszendenten auf der linken Seite eingezeichnet.
Will man ergründen, welche Grundintention in einem Menschen verborgen ist, sollte man als erstes nach seiner Anlage forschen, denn sie gibt Auskunft über die wahre Intention des Individuums. Am Aszendenten schlummert die Verkörperung des menschlichen Ichs. Die "aufsteigende Qualität" wird vom Horoskopeigner innerlich vollends verkörpert und findet, ob bewusst oder unbewusst, in all seinen Intentionen ihren Ausdruck.

Der Aszendent stellt den Teil des Menschen dar, zu dem er "Ich" sagt. Jede einseitige Ich-Identifikation aber setzt in der polaren Welt gleichzeitig eine unsichtbare Dynamik innerhalb des Geschehens in Gang, die sich zwingend aus den Selbstbildern ergibt, da jede Einseitigkeit des Menschen ihren Gegenpol benötig, um im Sinne der kosmischen Ganzheit wieder eine Harmonie zu bilden. Wenn man also auf der einen Seite „Ich“ sagt und sich als solches empfindet, heißt es auf dem Gegenpol „Du“. Das Ich bedingt das Du, das eine erzwingt die Existenz des anderen. Je mehr ein Individuum beginnt, sich allein mit einem Teil der eigenen Persönlichkeit zu identifizieren, desto stärker wächst auf der anderen Seite der Teil heran, dem die bewusste Hinwendung fehlt. Diesen Teil der Nichtidentifikation nennt man den Schatten. Der Schatten ist eine Art Gegenspieler zum Ich, denn er wächst kongruent mit jedem Ich-Aufbau. Der Schatten ist weder schlecht noch gut, sondern nur anders als das Ich. Beispielsweise wäre der Schatten des Bösen das Gute. Die Existenz des Schattens legt im Sinne einer kosmischen Notwendigkeit den Grundstein zu seiner Verwandlung, wenn das Individuum bereit ist sich mit ihm auseinanderzusetzen. Jedes Ich erfährt im Verbund mit einem Du immer eine verwandelnde Qualität. Jede Beziehung in die der Mensch eintritt, jede Begegnung in der Welt und jede Auseinandersetzung mit den Anteilen des "Nicht-Ich", führen unwillkürlich zu einer Verwandlung. Lässt man die weit entfernten Anteile, die immer mit einer Ablehnung behaftet sein müssen in das Bewusstsein ein, findet auf diesem Weg eine Art Hochzeit mit dem Schatten statt.
(Dies können Sie beispielsweise mit der Übung machen, die ich Ihnen im letzten Beitrag vorgeschlagen hatte.)

Die Erfahrungswelt mit all ihren Kontakten zu anderen Menschen, Beziehungen, Freundschaften, Familienmitgliedern gibt dem jeweiligen Individuum die Teile zurück die ihm fehlen, somit wird das Kontaktfeld zum Überbringer des Unbewussten und gleichzeitig zum Heilmittel des Menschen. Deshalb sollte man die Bezeichnung "Symptom" auch für alle anderen Erlebnisbereiche in der Außenwelt benutzen.

Die gesamte Welt ist somit als ein Symptom zu verstehen (griech. zusammenfallen, zusammentreffen), da sie sich aus der Summe der menschlichen Nichtidentifikationen zusammensetzt. So wie jedes Symptom dem Menschen das reicht, was ihm in seinem Bewusstsein fehlt, liefert auch die Welt jedem Menschen den Teil "frei Haus", den er zur Heilung (Heiligung) also zur Ganzwerdung braucht, damit er sich aus seiner Einseitigkeit löst.
In vielen überlieferten Mythen und Märchen findet man Hinweise, wie man mit Schattenthemen umgehen kann. Meist stirbt der Held nicht am Ende eines Mythos, sondern er wird belohnt und ersteht ganz unerwartet auf einer neuen Ebene. Nur sein altes Ich ist gestorben, denn er ist nach seinen Abenteuern nicht mehr der, der er einmal war. Innerlich ist er mit seiner Haltung gewachsen, weil er seine Ich-Grenze erweitert hat, sein altes Ich erfuhr eine Verwandlung. Dies symbolisieren die häufig folgenden Belohnungen, da er in vielen Darstellungen ein Königreich, Ländereien und Schätze als Lohn erhält, was einem Zuwachs seiner Wertigkeit gleichkommt. Das soll vermitteln, dass auch beim Menschen aus seiner Bereitschaft zur Verwandlung ein inneres Wachstum entsteht - was eine Dynamik in Gang setzt, die ihn in eine neue Richtung führt. Aus dem Lösen von alten Fixierungen und der immerwährenden Bereitschaft zum Neuwerden entsteht ein Rhythmus, der dem ständigen Ein und Aus des Atemstroms gleichkommt, der jedes Wesen mit Leben durchpulst.


Mittels der graphischen Horoskop-Darstellungen ist es möglich, den Schattenbereich genau zu spezifizieren.
In der optischen Darstellung eines jeden Horoskopes findet man den Teil der den Schattenbereich symbolisiert auf dem gegenüberliegenden Punkt der Achse, die sich aus dem Aszendenten ergibt. Der markante Punkt, an dem die Themen des Schattenbereiches ersichtlich werden, nennt man den Deszendenten. Mit ihm werden die Inhalte, die dem jeweiligen Horoskopeigner in der Welt als verwandelnder Teil entgegentreten, beschreibbar. Aus den konkreten Erlebensbereichen eines jeden Individuums lassen sich unter Zuhilfenahme des Horoskopes Aussagen machen, welche die Lern-Inhalte aus bestimmten Erlebensbereichen genau definieren. Wendet der Mensch sich diesen Bereichen wertfrei zu und ist er bereit sich den Inhalten zu öffnen, damit er verstehen kann was ihm als fehlender Teil im Außen begegnet, so legt er im Bewusstsein den Grundstein zur Basis seiner Verwandlung. Diese wird ihn innerlich wachsen lassen und er wird aus seiner veränderten Grundhaltung ganz neue und andere Erfahrungen machen, die ihn zu einer konstruktiven Verwandlung führen.

Wenn Sie Interesse haben konkreter einzusteigen, dann finden Sie in meinem Buch „Astrologie- die Symbolik des Lebens entschlüsseln“ (Schirner-Verlag) alle Aszendenten- und die dazugehörigen Schatten-Themen mit der notwendigen Bewusstwerdung beschrieben. Diese Themen können Sie dann gleichfalls mit der Herzübung, die ich im letzten Beitrag beschrieben hatte integrieren.

Aus dem funktionalen Denken heraus möchte der Mensch Probleme die in seiner äußeren Welt auftauchen stets bekämpfen. So kämpfte er gegen bestehende Probleme, fragt aber nicht danach, was er möglicherweise dazu beigetragen hat, dass sie in sein Leben kommen konnten. Er versucht äußerlich seine Welt zu regeln, was dazu führt, dass die Dinge die er funktional aus seinem Leben verbannt, auf Umwegen zu ihm zurückkehren. Einerseits ist die Abwehr und der Kampf gegen leidhafte Situationen ja verständlich, aber solange der Mensch versucht vor den Themen die das Leben an ihn heranträgt zu fliehen, wird er keine Veränderung in seinem Leben bewirken können.
Will der Mensch sich also verändern, sollte er lernen ganz unverholen und ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Dazu ist es nötig sich von allen Trugbildern (Persönlichkeits-Design) zu lösen, die man sich im Verlauf des Lebens vorgaukelt und die zudem noch Kraft und Mühe kosten, um sie aufrecht zu erhalten.

Mit der Bereitschaft, sich im Spiegel der Bewusstwerdung zu betrachten wird eine ungeheure Menge Energie frei. Diese kann sich als erstes in Ablehnung und Aggressionen gegen die Bewusstwerdungs-Inhalte ausdrücken oder in heiterer Gelassenheit, die in einen Kraftzuwachs mündet. Eine solche Form der Selbstbetrachtung ist ein ganz intimer Prozess, den jeder für sich alleine anregen kann, ohne sich anderen Menschen gegenüber in Erklärungszwänge zu begeben. Gewöhnt man sich an diese ehrliche Umgangs- und Betrachtungsweise mit sich selbst und ist bereit, auf schmückende Selbstbilder zu verzichten, beginnen die Verläufe des Lebens andere Gestalt anzunehmen, da es nicht mehr nötig ist, dass der Mensch über Schicksalszwänge in Erkenntnisprozesse eingeschleust wird.
Im nächsten Beitrag werde ich Ihnen beschreiben, welche aufbauenden Kräfte der Mensch mobilisiert wenn er seinen Sonnen-Auftrag bewusst verwirklicht.

Herzlichst Ihr

Randolf M. Schäfer


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