Randolf Schaefer

Forum für hermetische Kunst und Kultur
& Astrosophische Praxis



Im Dialog mit dem Leben

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Halbzeit des Jahres ist überschritten, der Herbst beginnt, und mit dem äußeren Rückzug in der Natur vergrößert sich auch die Möglichkeit, nach Innen zu wachsen, um auf der großen Lebensspirale wieder eine Schleife in Richtung Geistigkeit zu ziehen. Betrachtet man die Geschehnisse des Lebens nur bezogen auf ihren äußeren Korpus, dann treiben im großen Strom der Zeit eine Fülle von Ereignissen am Menschen vorüber, die in einem Wechsel liegen von der Kategorie erfreulich bis zu weniger erfreulich. Krönende Momente sind die großen Umbruchsituationen, die den Menschen aus seiner Tagtrance aufwecken. Im Laufe der Zeit nimmt man die verschiedenen Sequenzen der Ereignisse oftmals wie Inseln wahr, die einen von der einen zur anderen Situation tragen. Viele Menschen erfahren auf diese Weise einen Abstumpfungsprozess, der sie in den Sumpf des Alltags immer tiefer einsinken lässt, so dass sie im Laufe der Zeit nicht mehr die essentielle Bedeutsamkeit einzelner Situationen wahrnehmen. Dabei besitzt die äußere Welt einen verbindenden Charakter, der den Menschen in einen Dialog einschleust, der ihm über die Erlebensebenen wesentliche Impulse zu vermitteln vermag, besonders zu jenen Inhalten, die dem Menschen nicht bewusst sind. Um diese erkennen zu können oder um sich dafür zu sensibilisieren, ist es notwendig, sich das eigene Leben aus einer übergeordneten Sicht anzuschauen.

Hilfreich für einen Erkenntnisprozess ist sich nicht emotional an einzelne Situationen oder die Menschen, die sie verursacht haben zu binden, sondern sich die Frage zu stellen: Was sind es für Grundthemen, die sich durch mein Leben hindurchziehen? Wenn man unter diesem Gesichtspunkt Selbstrecherche betreibt, wird man erstaunt sein, denn man wird erkennen, daß es eine Reihe von Erfahrenssmustern gibt, die sich wie ein roter Faden durch das Leben ziehen. Oft wird dabei deutlich, daß sich die Dinge, gleichgültig welchen Bereich sie betreffen, ähnlich abspielen. Vielleicht folgert man daraus, daß es anderen Menschen auch so ergehen muss. Doch jeder besitzt in seinem Leben eine gewisse Anziehungskraft oder besser gesagt eine Resonanz zu bestimmten Erlebnisbereichen, die nur er ganz individuell erfahren kann. Dies lässt sich daran erkennen, dass jeden Menschen ganz spezifische Lebensmythen umgeben, in denen er sich bewegt. Jeder Mensch erfährt ganz eigene Gesetzmäßigkeiten, die er rhythmisch im Laufe der Jahre durchlebt. Daran wird deutlich, dass die schicksalhaften Lebenssituationen immer zu ihm gehören, sie beziehen sich also individuell auf ihn, und er selber ist die Instanz, die unbewußt an der Gestaltung der Lebensverläufe mitwirkt. Führt man sich diesen Zusammenhang vor Augen, hat man bereits jenen ersten Schritt getan, um mit dem Erlebten in anderer Form umzugehen. Man vermag zu erkennen, daß man keiner Willkür ausgeliefert ist, die sich Schicksal nennt und welche die Willensintentionen vereitelt, sondern dass man selbst bestimmte Gesetzmäßigkeiten hervorruft, ähnlich wie der Volksmund ganz richtig formuliert:"Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied". Dies geschieht natürlich nicht bewusst, sondern man trägt durch die eigene Unbewusstheit zur Manifestation bestimmter Gesetzmäßigkeiten bei. Das Spektrum jeder menschlichen Persönlichkeit ist so breit gefächert und oftmals auch so widersprüchlich, dass jedes Individuum bestimmte Wesensanteile besonders ausprägt, sich an sie bindet und geneigt ist, mit ihnen das Leben zu bestreiten. Die verdrängten Persönlichkeitsaspekte schlummern dann latent im Verborgenen der Seelenlandschaft und warten darauf, dass sie vom Menschen ins Bewusstsein gehoben werden. Solange dies aber nicht der Fall ist, begegnen sie ihm im Verlauf seines Lebens durch äußere Ereignisse. Dies ist bei jedem Menschen so, denn niemand vermag eine solche Bewusstheit zu entwickeln, dass er jenen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr ausgliefert ist. Wäre ein Mensch so bewusst, daß er keine neuen Manifestationen mehr erzeugen würde, bräuchte er nicht zu inkarnieren.

Die Erkenntnis, dass die Lebensereignisse aus dem Unbewussten gespeist werden, ist eine überlieferte Mysterienweisheit, die in den traditionellen Schulen gelehrt wurde. Ein Teil der Arbeit auf dem Weg besteht darin, jene Bereiche des Lebens, in denen man in der Erleidensform an die Inhalte des Unbewussten herangeführt wird, zu durchleuchten und die hinter den Schicksalskräften verborgenen Themen zu erforschen. Dies kann zu einem gewissen Teil dadurch erfolgen, dass man sich ein Grobraster schafft und damit ergründet, welche Dynamik im Leben wirkt. Die Bereitschaft, eine dergestaltete Ordnung in das Schicksal zu bringen, ist ein ganz wichtiger Schritt dorthin. Natürlich benutzte man in den Mysterienschulen speziell für eine solche Arbeit geschaffene Systeme, mit denen man die verborgenen Inhalte in den äußeren Formen zu entschlüsseln vermochte. Die Astrosophie ist ein solches System, welches als Benennungssystem der Wirklichkeit die Welt, äußere Formen, in den unterschiedlichsten gestalterischen Manifestationen einzuteilen vermag, um schlussendlich auf die verborgenen Inhalte schließen zu können. Wendet man die Astrosophie dergestalt an, hält man ein geniales System in der Hand, das es einem ermöglicht, detailliert herauszufinden, welche Inhalte über die Lebensverläufen, ständig an einen herangeführt werden. Mittels der Astrosophie lässt sich ein Dialog mit dem Leben führen, der diesem seine eigentliche Bedeutung zurückgibt, so wie sich aus dem Wort "be-deut-sam", das Deuten ableiten lässt. Ist man bereit, dem Leben jenen Aspekt der Kommunikation einzuräumen, dann erweitert sich die Möglichkeit, mit dem Erlebten anders umzugehen. Die Welt erhält damit einen anderen Stellenwert. Sie bleibt nicht auf dem Pol der willkürlichen Leidverursacherin haften, sondern sie wird zur Vermittlerin von Inhalten, mit denen der Mensch korrespondieren kann. Nimmt man die Chance, einen solchen Dialog zu führen an, ergründet und forscht man nach den Inhalten, die hinter den Formen verborgen sind, verschafft man sich Zugang zu ganz konkreten Aspekten des eigenen Unbewussten. Der an schicksalhafte Begebenheiten bindende Aspekt verwandelt sich in einen erlösenden. Kennt man die Inhalte die einen leidhaft verwickeln, vermag man mit diesen auch auf andere Weise umzugehen. Denn primär wollen die Inhalte vom Menschen bearbeitet werden. Die Art und Weise wie dies geschieht ist schon wieder sekundär. Innerhalb dieses Rahmens besitzt der Mensch seine Freiheit. Er kann keine Veränderungen im Leben bewirken, solange er Kräfte und Gesetzmäßigkeiten verdrängen oder gar bezwingen möchte, sondern nur, wenn er mit ihnen arbeitet und er sein Vermögen schult, sie auf eine andere Ebene umzuleiten. Dies ist legitim, denn er bleibt somit weiter mit den Inhalten in Verbindung und führt dadurch keine Vermeidungsstrategie durch, wie dies sehr gerne vom linerar denkenden und handelnden Menschen angestrebt wird, der keine Kenntnis von kosmischen Gesetzmäßigkeiten besitzt. Im Moment der bewussten Annahme verlieren die Situationen ihren bindenden Charakter, oftmals lässt sich auch beobachten, daß die Intensität der Erfahrung eine andere wird, daß die Vehemenz, die besonders dann auftritt, wenn der Mensch nicht bereit ist, die Lernthemen anzunehmen, nachlässt, dass er allein aufgrund der Bereitschaft entschlüsselnd und lernend durch die eigene Existenz zu gehen, ein völlig anderes Lebensklima herrscht.

Gustav Meyrink beschreibt diesen Vorgang in seinem Roman "Das grüne Gesicht", in dem er seinen Protagonisten, Fortunat Hauberisser folgenden Monolog führen lässt: "Ich habe es satt den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege vorzubereiten, dann Krieg um Frieden zu gewinnen usf.; weil ich wie Kaspar Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, - ein neues Staunen kennen lernen will, wie es ein Säugling an sich erfahren müsste, der über Nacht zum erfahrenen Manne heranreift, - weil ich ein Schlusspunkt werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das "geistige Erbe" meiner Vorfahren und will lieber lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, ewig neue Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann die ewige Jugend!"

Der Prozess des Erwachens setzt in dem Moment ein, wo man sich betrachtend dem Außen zuwendet. Dies gilt natürlich nur für zentrale Lebensmythen, man sollte sich davor hüten, alles im Leben deuten zu wollen. Da alles seine zwei Seiten besitzt, besteht bei der Symbolentschlüsselung auch die Gefahr in einen "sensitiven Beziehungswahn" mit der Welt abzurutschen.

Immer wiederkehrende Lebensmythen, wie der eigene Kindheits-, Beziehungs-, Begegungs- und Krankheitsmythos oder stagnierende Lebenssituationen bilden die Ansätze für eine Auseinandersetzung. Je direkter diese Begebenheiten sind, und je vehementer sie ins Leben eingreifen, desto deutlicher rufen sie dazu auf, sich mit ihnen zu beschäftigen. Man sollte sich deshalb immer die Struktur von Lebensbedingungen anschauen. Ein Mensch kann zum Beispiel immer wieder Umbrüche und Geborgenheitsverlust erfahren. Er kann durch eine Sturzgeburt auf die Welt gekommen sein, später erfolgten immer dann Umzüge und Schulwechsel, wenn er in seiner Umgebung heimisch geworden war, oder er wurde durch äußere Einflüsse immer wieder gezwungen, sich erneut zu definieren, wenn er gerade mit seiner Persönlichkeit im reinen war.

In diesen vielfältigen mythischen Begebenheiten findet man einerseits umpolende Kräfte wieder, andererseits wird der Mensch in seiner Indidvidualität berührt. Alle Situationen trugen dazu bei, daß er in den Momenten, in denen er seine Subjektivität entfalten mochte, Gegenteiliges erfuhr. Hinter solchen Begebenheiten verbirgt sich das uranische Urprinzip der Umpolung, das in Situationen der Geradlinigkeit immer das Gegenteilige in die Manifestation zwingt. Dieses Urprinzip wirkt umpolend auf das Subjektive, welches in der Astrosophie durch das Mond-Prinzip repräsentiert wird. In dem Beispiel erfährt der Betroffene eine Fülle von umpolenden Situationen, die ihn ständig aus subjektiven Anliegen und Lebenssituationen herausführen. Immer wenn er versucht, in einem persönlichen Bereich eine Statik zu erreichen, löst sich diese Gesetzmäßigkeit aus. Astrosophisch bezeichnet man dieses Kräftespiel eine Uranus/Mond-Thematik. Seitens des Lerninhaltes fordert die Kombination von Mond und Uranus den Menschen auf, sich aus dem Bedürfnis subjektiver Selbstverwirklichung zu lösen, deshalb wurde er gerade immer dann aus der Geborgenheit gerissen, als er begann, sich in den verschiedenen Lebensituationen heimisch einzurichten. Die Lernerfahrung, die an den Menschen herantreten möchte, ist die Aufforderung, dass die subjektiven Anliegen nicht der Motor im Leben sein sollten, sondern dass vielmehr der Löseakt aus der Subjektivität das Thema ist, welches er unter dieser Urprinzipien-Verbindung zu lernen hat. Dieses Erfordernis kann er aber auch auf andere Weise einlösen, indem er beispielsweise anderen Menschen helfend zur Seite steht, sich sozial engagiert oder therapeutisch tätig wird, so dass die eigenen Belange zugunsten anderer in den Hintergrund gestellt werden. Erst wenn der Mensch zu einer solchen Verlagerung seiner Interessen bereit ist, beginnt sich ein Wandel in den Lebensverläufen zu vollziehen, nämlich deshalb, weil er auf der Leiter der analogen Prinzipien eine Stufe weiter geschritten ist. Erst wenn man zu erkennen vermag, was das Schicksal in der Verpackung einzelner Situationen an einen herangetragen hat, ist es möglich, sich den Lebenstrukturen umgestaltend zuzuwenden, indem man für die einzulösenden Inhalte nach anderen Ebenen forscht. Dies bewirkt, daß man Verantwortung für das Erlebte übernimmt und im Bewusstsein sowie in der Umsetzung die entsprechenden Konsequenzen zieht. Man ver - antwortet sich gegenüber dem Leben und antwortet dem Geschehen mit der Bereitschaft, sich innerlich mit anderen Inhalten in Verbindung zu bringen. Diese Form des Umgangs mit den eigenen Erfahrungen stellt jedem Einzelnen eine Fülle von Bearbeitungsmöglichkeiten ins Leben, aus denen mit der Zeit ein konstruktiver Dialog zu erwachsen vermag. Natürlich gibt es außer diesem vorgenannten Beispiel eine Fülle von anderen Urprinzipien-Kombinationen, hinter denen sich Lernthemen und Bewußtwerdungsinhalte verbergen. Sie sind der Schlüssel zu einem veränderten Umgang mit dem Leben, der einen befreienden und erlösenden Charakter haben kann, denn man erkennt, daß zentrale Lebenssituationen, Kindheitsmythen, Partnerschafts- und Krankheitsmythen nur Träger dieser Inhalte sind. Man könnte sie als "Mulis" bezeichnen, die getreu ihren Dienst versehen, die Inhalte an den Menschen heranzutransportieren. Sie erfüllen damit nur die Funktion eines Trägers zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten.

Hat man das erkannt, vermag man sich aus Projektionen zu lösen, ist man nicht mehr an Situationen, an Schuldzuweisungen an andere Menschen gebunden. Es erwächst eine größere Bereitschaft zum Verzeihen, weil man zu verstehen beginnt, dass es fortan nur noch die eigene Unbewusstheit gibt, die man sich selber vorzuwerfen hätte. Die Welt wird zu einem befreienden Dialogfeld, das den Menschen über seine selbst gesteckten Grenzen hinauszuheben vermag. Voraussetzung für eine solche veränderte Umgangsweise ist vor allem die Bereitschaft, jene Verantwortlichkeit zu übernehmen. Darüber hinaus ist ein solches Bewusstsein die Grundvoraussetzung wenn man einen Weg beschreiten will, denn solange der Mensch nicht zum Verantwortungsträger des eigenen Schicksals geworden ist, solange er sich noch als Opfer äußerer Umstände empfindet, mangelt es ihm an dem erforderlichen Potential.

In der Folge werde ich im Rahmen einer Astrosophie-Serie alle Kombinationsmöglichkeiten der Urprinzipien in den verschiedenen Lebensmythen darstellen. So wird ermöglicht, detailliert aus den eigenen Lebensverläufen die entsprechenden Lerninhalte herauszufiltern.

Randolf M. Schäfer

copyright 4/1998
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