Randolf Schaefer

Forum für hermetische Kunst und Kultur
& Astrosophische Praxis



Metaphysische Heilung

Liebe Leserinnen und Leser,

Für den Menschen im angebrochenen dritten Jahrtausend scheint die allgemein angenommene materialistische Grundstimmung immer wichtiger zu werden, denn für ihn bedeutet es vermehrt, den Erfordernissen, welche die materielle Welt an ihn richtet, gerecht zu werden. Die Probleme in der äußeren Welt werden immer vielschichtiger, so dass sie auf einer funktionalen Ebene schon fast nicht mehr geklärt werden können und der Mensch auf diese Weise subtil in eine Richtung gedrängt wird, die ihn aufruft neue Wege zu beschreiten. Denn trotz des überhand nehmenden Materialismus steht es außer Frage, dass eine metaphysische Weltanschauung mit der Zeit ihren Siegeszug antreten wird. Dafür spricht schon die Tatsache, dass vom Materialismus nichts so erbittert bekämpft wird wie alles Numinose, dem die hinter der Form liegenden Dinge zugehören, die sich der rationalen Erfassung des Intellektes entziehen. Fast scheint es, als würde der zum Unterliegen bestimmte Teil seinen künftigen Bezwinger erahnen und versuchen, ihn mit einer letzten Kraftanstrengung noch auszuschalten. Besonders deutlich wird das in den Bestrebungen, die von den konventionellen Weltanschauungen abweichenden Alternativbereiche zu verunglimpfen. Man zieht Themen ins Lächerliche, denunziert Menschen, die in diesen Themenbereichen arbeiten, versucht Arbeitsweisen zu vereiteln, da die konservativ arbeitenden Gruppierungen des materialistischen Lagers ihre Stagnation latent ahnen und Angst haben, weil sie ihre Grundfesten erschüttert sehen.
So ist denn auch das häufigst gebrauchte Argument der Materialisten, die Esoterik sei eine geistige Verirrung und deshalb nicht imstande, seriös und kulturschöpferisch zu wirken. Wer das glaubt, der vergisst, dass das, was der Nachwelt heute als "Esoterik" dargestellt wird, ein moderner Sammelbegriff ist für eine Reihe von Wissenschaften, die vom Altertum bis ins Mittelalter überall in höchstem Ansehen standen und nach zyklischen Gesetzmäßigkeiten eines Tages wieder zu diesem Ansehen gelangen werden. Somit ist die Esoterik im eigentlichen Sinne eine Renaissance-Bewegung, eine Wiedergeburtserscheinung von essenziellen Inhalten, die zu den Wurzeln des Menschseins gehören und auch selber dort hinzuführen vermögen. Es zeugt also von Ignoranz und Vermessenheit, wenn man glaubt, die Esoterik sei kulturunfähig - als ob die Antike kulturlos gewesen wäre!

Unter den Hochkulturen, die der Strom der Jahrtausende über unseren Erdball getragen hat, nimmt die der Ägypter eine besondere Stellung ein, und zwar nicht nur weil ihre Spuren zu den ältesten Dokumenten menschlichen Schaffens überhaupt gehören. Man denke an die Sphinx, die Pyramiden mit ihren in den Stein gehauenen geistigen Symbolen, unauslöschlich über die Jahrtausende für die Nachwelt erhalten, darauf wartend, im Bewusstsein zu neuem Leben erweckt zu werden. Gleichfalls denke man an die geistigen Größen, welche die Tiefe ihrer Philosophien den Einweihungen alter ägyptischer Kulte verdankten! Hier haben die Religionen ihren Ursprung, deren drei Hauptmodifikationen bis heute die Hälfte der Menschheit prägen. Man kann die ägyptische Hochkultur aus ihren nachvollziehbaren Überlieferungen als Zentralstelle jeglichen esoterischen Gedankenguts ansehen. Die esoterische Religion der alten Ägypter war von einer erhabenen Metaphysik getragen. Ihr galten die Dinge lediglich als materielles Gefäß geistiger Inhalte. Hinter den äußeren Phänomenen verbarg sich für den Kundigen das Geistprinzip, offenbarte sich das Wesen, es gab nichts Physisches ohne sein Metaphysisches. Diese Weltanschauung prägte die ganze Kultur, sie war das Zentrum, um das sich alles bewegte, und gleichzeitig die Grundvoraussetzung aller Bildung und jeglicher wissenschaftlicher Arbeit.

Eine philosophisch derart geprägte Wissenschaft konnte selbstverständlich dem Studium der Erscheinungen nur insoweit Beachtung schenken, als es zur Erfassung der sie erschaffenden dahinter liegenden Kräfte notwendig war. Was immer sich dem Auge des ägyptischen Wissenschaftlers gegenüberstellte, es erfolgte eine Bestandsaufnahme des dahinter liegenden Wesens der Dinge. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall, wenn man allen konkreten Erscheinungsformen und Begebenheiten den Geist, das Wesen der Dinge abspricht. Besonders offenkundig trat diese Weltanschauung in der Medizin hervor. Man kannte kein medizinisches Spezialistentum, wie es heute bei uns üblich ist. Das ägyptische Weltbild besaß ein Bestreben nach Einheit, und jede Spezialisierung wäre als ein Missverstehen der primitivsten Grundsätze belächelt worden. In diesem Zusammenhang muss man sich bewusst machen, dass jede Form von höherer Bildung seitens der Mysterienschulen vermittelt wurde. So war also auch die Medizin nicht in einem eigenen Lehrsystem zu finden, sondern ein Bestandteil verschiedener Tempelwissenschaften und entsprach damit einem Teil des Grundstudiums, nämlich der Lehre der Zusammenhänge von Kosmos, Natur und Mensch. Das Studium der Mysterien war nur durch strenge Übungen und Prüfungen zu bewerkstelligen und mit besonderen Initiationen verbunden.

Dieses System verlieh dem Studierenden kein Fachwissen, sondern ein allumfassendes Wissen. Es wurden keine Ärzte, Physiker, Chemiker, Rechtsgelehrte oder Theologen ausgebildet, sondern in erster Linie Philosophen, die diese einzelnen Gebiete beherrschten. Im Vordergrund stand der Zusammenhang von Stoff und Geist, sowie das Studium dessen, dass alles Stoffliche nur ein Ausdruck des Geistes ist. Materie wurde als zur Form geronnener Geist betrachtet. Unter dem Gesichtspunkt, dass der Makrokosmos sich im Mikrokosmos widerspiegelt, sah der ägyptische Arzt beispielsweise im körperlichen Leiden die Störung der den Organismus nährenden und regierenden Kraft, einer Gesetzmäßigkeit, die er als Geist bezeichnete. Das äußerliche Symptom wurde vom Arzt nur sekundär betrachtet.
Als erste Ursache galt ihm vor allem eine Störung im "Prinzip", auch als "höhere Intelligenz" oder "Gesetz" bezeichnet. Die äußerliche Erleidensform wertete er als Ausdruck einer Störung, die auf einer geistig-seelischen Ebene zu finden war. Im ägyptischen Heilwesen ging es deshalb in erster Linie um eine Wandlung, die auf der inneren Ebene Heilung bewirken sollte. Der Körper des Menschen wurde als belebte Materie angesehen; was ihm Leben verlieh, bezeichnete man als transzendentes Prinzip, das man "Ka" oder "Doppelgänger" nannte. Gemeint war damit der feinstoffliche Geistkörper, der von der Seele erschaffen wird und sich im äußeren Menschen widerspiegelt.
Die Ägypter sahen die Welt als eine zur Einheit gefasste Dreiung an, die sie als die "drei Welten" bezeichneten. Der oberste Bestandteil dieser Dreiung war die Welt der Prinzipien, den mittleren Teil bildete die Welt der Gesetze und der unterste Teil umfasste die Welt der Fakten und des materiellen Körpers. Jede Begebenheit war einheitlicher Ausdruck dieser Dreiung in seiner besonderen Sphäre.

So unterschiedlich die Begebenheiten nach äußerem Schein und Zweck auch sein mochten, unter dem Gesichtspunkt der Dreiung waren sie doch alle gleich. Die Seele eines Minerals etwa war genauso zur Welt der Prinzipien gehörig wie die des Menschen, sie war zwar nicht so hoch entwickelt und nicht zu merklichen Äußerungen fähig, aber sie versah beim Mineral den selben Dienst wie die Seele beim Menschen. Die Seele des Minerals war der des Menschen analog, die eine war die Entsprechung der anderen - sie korrespondierten miteinander. Da diese Korrespondenz vom Niedersten bis zum Höchsten reichte, nannte man dieses Band "die Weltenkorrespondenz" oder "das Gesetz der Allverbundenheit" und bezeichnete im Sinne der hermetischen Weltsicht damit die analogen Zusammenhänge zwischen den in der Schöpfung enthaltenen Kräfte, die ihre Ausformungen auf den unterschiedlichsten Ebenen fanden, gemäß dem hermetischen Axiom Mikrokosmos/Makrokosmos.

Mit dieser Betrachtungsweise vermochte man alles in einen Zusammenhang zu stellen, wie etwa den menschlichen Körper und die Erde. Wählt man zur Verdeutlichung der Zusammenhänge ein Organ des menschlichen Körpers aus, beispielsweise die Leber, muss es auf der Erde eine Entsprechung geben. Denn die Erde ist genau wie der Mensch ein Gesamtorganismus, zu dem eine Reihe von Organen gehören, wie etwa die Klimazonen, die unterschiedlichen Erdgebiete, Flüsse, Seen und Meere, die vielfältige Beschaffenheit des Mineralreiches mit den darin enthaltenen Bodenschätzen, die Bäume und Pflanzen.
Wenn die Leber beim Menschen das große Entgiftungsorgan ist, so kann man die dem gleichen Zweck dienende Erdatmosphäre mit ihrem Sauerstoff als "Leber der Erde" bezeichnen. Menschenleber und Erdatmosphäre werden demnach "miteinander korrespondieren". Nicht anders ist das Verhältnis zwischen dem Menschen, der Erde und dem Sonnensystem. Auch das Letztere hat seine Einzelorgane, nämlich die zum System gehörenden Himmelskörper. Auch diese Organe müssen nach dem Gesetz der Allverbundenheit in den Erdorganen ihre Entsprechung haben. Geht man davon aus, dass das Mineralreich das Knochensystem der Erde ist, so kommt die gleiche Aufgabe im Sonnensystem dem Planeten Saturn zu. Das Mineralreich der Erde und der Planet Saturn sind unter diesem Gesichtspunkt einander zugeordnet. Dasselbe Verhältnis besteht auch zwischen dem Planeten Saturn und dem menschlichen Skelett.

Diese Lehre von den Korrespondenzen war niedergelegt in der ägyptischen Astrologie, von der die hermetische Astrologie, die man auch als Astrosophie bezeichnen kann, eine Überlieferung ist. Sie ist das einzigartige Benennungssystem mit dem es möglich ist, alle Zusammenhänge beschreibbar zu machen, um die daraus resultierenden Rückschlüsse zu ziehen.
Die Astrologie beherrschte die Therapie soweit, dass sie zur Ordnung und Anwendung der Heilmittel nach astrologischen Gesichtspunkten zwang. Sie machte den Rückschluss von der ideellen Ebene auf die materielle möglich sowie umgekehrt von der materiellen auf die ideelle Ebene. Der Niederschlag dieser Lehre in der Therapie war der Grundsatz "Similia Similibus curentur" (Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden), der als Grundgedanke der Homöopathie alle Auffassung und Verwendung von Heilmitteln bestimmt.

Eine derart eingestellte Wissenschaft konnte dem Studium der Erscheinungen nur insoweit Beachtung schenken, als dass sie versuchte den hinter den Formen verborgenen Geist zu erfassen.
Die Beschäftigung mit Geist und Seele war die Hauptdisziplin der ägyptischen Medizin. Eine Störung im menschlichen Seelengefüge wurde als Störung der göttlichen Ordnung angesehen, die Regeneration der Seele als eine Regeneration durch die Integration einer höheren Gesetzmäßigkeit. Somit war das ägyptische Heilwesen nicht wissenschaftlich, sondern reine "Theurgie" und damit ein religiöses Anliegen - der Heilsgedanke war direkt mit dem Bewusstsein der Ganzheit verbunden. Man arbeitete einerseits am Energiekörper des Menschen mit magnetopathischen Methoden, wie sie später von Messmer (Messmerismus) wiederentdeckt wurden, und andererseits mit milden Formen der Suggestion, die wir heute als "Tranceinduktion" bezeichnen würden. Wollte man in Richtung Heilung wirken, so geschah dies auf den Ebenen der drei Welten.
Das Prinzip des Geistes verlangte prinzipielle Mittel, die durch eine rituelle Arbeit angesprochen wurden. Damit unterstellte man sich einer entsprechenden höheren Ordnung. Das Leben wurde in einem besonderen Bewusstsein geführt, in dem der Mensch sich dem geistigen Wachstum zuwandte und sein Leben als eine Plattform zur Vergeistigung ansah.
Das Prinzip der Seele, zu dem der Geistköper "Ka" zählte, wurde auf der Trance-Ebene angesprochen, indem man die Aspiranten in die Bilder des Unbewussten einschleuste und somit einen Gleichklang zwischen dem Geistkörper und dem stofflichen Menschen herstellte. Auf der Ebene des Körpers wurde sowohl mit magnetopathischen Mitteln als auch mit einer Vielzahl von mineralischen, tierischen und pflanzlichen Produkten gearbeitet. Wir würden diese heute als Medikamente bezeichnen, die nach dem Simili-Prinzip ausgewählt wurden, um das Fehlende mit dem Ähnlichen auszugleichen.
Der ägyptische Arzt musste also zuerst eine körperliche Diagnose stellen, sodann fertigte er ein Geburtshoroskop an, um die kosmischen Dispositionen im Menschen zu ermitteln. Somit konnte er den Grundtypus des Menschen erfassen, aber auch die jeweilige aktuelle astrologische Situation und ihre Beziehung zum erkrankten Organ, welches als Ausdruck einer gestörten inneren Ordnung verstanden wurde. Je nach Diagnosestellung richteten sich die mit den astrologischen Verhältnissen korrespondierenden Mittel, unter denen der Arzt nach dem Grundsatz "Similia similibus curentur" seine Auswahl traf. Gleichzeitig lenkte er das Bewusstsein des Menschen auf die ihm fehlenden Inhalte, um ihm auf dieser Ebene das wiederzugeben, was bei ihm aus der Ordnung geraten war und nicht im Einklang stand mit der innneren Realität des Menschen. Darüber hinaus kleidete er sein Eingreifen in das Gewand eines Rituals, um sowohl auf die obere als auch auf die mittlere Ebene zu gelangen. In diesem breiten Arbeitsspektrum wird deutlich, dass in jedem Fall die drei unterschiedlichen Ebenen angesprochen wurden, um den Menschen in einen geistigen Heilwerdungsprozess einzufädeln. Als Fol ge des wiederhergestellten inneren Einklangs trat auch auf der körperlich-materiellen Ebene die Regeneration ein. Vergleicht man dagegen eine solche Vorgehensweise mit den heutigen konventionellen "Therapieansätzen", so wird deutlich, welche geistige Armut sich hinter der reinen Symptombekämpfung verbirgt. Wer allein auf einer Ebene arbeitet, darf nicht erwarten, dass seine Bemühungen von dauerhaftem Erfolg gekrönt sein werden. Es können immer nur kurze Teilerfolge sein, die in dem Bereich der Symptomverschiebung angesiedelt sind.

Die Voraussetzung für eine Veränderung kann nur in einer Verwandlung der Weltanschauung zu finden sein. Dem rein am Stofflichen orientierten Bewusstsein will eine geistige Betrachtungsweise hinzugefügt werden. Nur so werden die Grenzen des eingeschränkten Weltbildes überschritten.
Bestünde ein echtes Interesse an einer derartigen geistigen Regeneration des Menschen, ließen sich die Probleme, denen wir uns gerade heute ausgeliefert sehen, ganz anders bewältigen. Sicher ist es allein aus dem Gesichtspunkt geistig-polarer Gesetzmäßigkeiten nicht möglich, dass die Menschheit sich kollektiv regeneriert, dies wird sich stets 50/50 die Waage halten. Doch sollte man unter diesem Gesichtspunkt für sich verstehen, dass viele Probleme die wir heute in Politik und Umwelt haben, hausgemacht sind, weil eine große Anzahl von Interessengruppen versuchen, sich auf Kosten des Kollektivs ihre Vorteile zu verschaffen. Die Zeit des Verharrens auf einem selbstbezogenen Standpunkt klingt jedoch gerade aus. Wer die Chance in einem veränderten Bewusstsein sieht und nicht in Starre und Stagnation verweilt, wird die zu bewältigenden Probleme meistern können. Den Druck, den das Kollektiv gerade erfährt, gilt es als Geburtswehe zu verstehen, die die Menschheit in eine ehrlichere Richtung zwingt - weil die Talsohle anders gar nicht mehr durchschritten werden kann.
Derjenige, der abwehrt und kritisiert, vor allem wenn er in einem Themenbereich selber noch keine eigenen Erfahrungen gesammelt hat, macht nur deutlich, dass er versucht, seine eigene Stagnation angstvoll zu verbergen. Angst wird in vielerlei Hinsicht aus Unbewusstheit geboren; um sie zu bewältigen ist es nötig, den verursachenden Teil aufzusuchen und sich mit ihm bekannt zu machen.

Herzlichst
Randolf M. Schäfer

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